„Du musst deinen Körper nicht lieben – aber du verdienst es, dich in ihm sicher zu fühlen.“
– ein Satz, der sinnbildlich für die Entwicklung von der Bodypositivity hin zur Bodyneutrality steht.
Körperakzeptanz zwischen Selbstliebe und Neutralität: Was ist Bodypositivity – und was ist Bodyneutrality?
Ein Lächeln im Spiegel. Ein Bauch, der sich unter dem Shirt wölbt. Ein Scrollen durch Instagram – Bilder von normschönen Körpern, dazwischen Dehnungsstreifen, scheinbar stolz präsentiert. Der Umgang mit unserem Körper ist längst nicht mehr nur privat. Er ist politisch geworden, sichtbar, diskutiert – und oft missverstanden.
„Bodypositivity“ ist für viele ein befreiendes Schlagwort geworden – für andere ein neuer Leistungsdruck. Und während die einen sich für mehr Sichtbarkeit feiern, fragen sich andere, ob es wirklich nötig ist, den eigenen Körper zu lieben, um sich darin akzeptiert zu fühlen. Genau hier setzt eine neuere Bewegung an: Bodyneutrality.
Was ist Bodypositivity? Ursprung und politische Geschichte
Bodypositivity ist keine moderne Social-Media-Erfindung, sondern eine Bewegung mit tiefen, politischen Wurzeln. In den späten 1960er-Jahren begannen insbesondere Schwarze, queere und dicke Frauen, sich gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung und medizinische Diskriminierung nicht-normativer Körper zu wehren.
Ein Meilenstein war 1969 das erste „Fat-In“ in New York. Daraus entstanden Organisationen wie die National Association to Advance Fat Acceptance (NAAFA). Die zentrale Botschaft: Jeder Körper verdient Respekt und Gleichwertigkeit – unabhängig von Gewicht, Aussehen oder Funktion.
Bodypositivity heute: Sichtbarkeit durch Social Media
In den 2010er-Jahren wurde Bodypositivity durch Instagram & Co. populär. Hashtags wie #bodypositivity, #bopo oder #selflove zeigten Körper, wie man sie in der Werbung selten sah: mit Cellulite, Narben, Bauchfalten – und Selbstbewusstsein.
Influencerinnen wie Megan Jayne Crabbe oder Jessamyn Stanley wurden zu Vorbildern der Bewegung. Der Effekt war doppelt: Millionen Menschen fühlten sich zum ersten Mal gesehen – aber gleichzeitig begann die Kommerzialisierung.
Marken warben mit „diversen Körpern“, ohne den politischen Kontext der Bewegung zu beachten. Und immer häufiger standen auch schlanke, normschöne Körper unter dem Bodypositivity-Label – was zu berechtigter Kritik führte.
Kritik an Bodypositivity: Wenn Selbstliebe zum Druck wird
Viele fragen sich: Muss ich meinen Körper wirklich lieben, um ihn akzeptieren zu dürfen?
Gerade für Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder Essstörungen kann Bodypositivity toxisch wirken – wenn der Fokus auf Selbstliebe zur neuen Norm wird. Wer sich nicht rundum wohlfühlt, gilt schnell als „noch nicht weit genug“.
Genau aus diesem Spannungsfeld entstand eine neue Bewegung: Bodyneutrality.
Was ist Bodyneutrality?
Bodyneutrality bedeutet: Du musst deinen Körper nicht lieben, um ihn respektvoll zu behandeln.
Es geht nicht darum, deinen Körper schön zu finden – sondern darum, ihn nicht ständig bewerten zu müssen.
Die Philosophie ist:
- Dein Körper ist nicht dein Feind – aber auch nicht dein Mittelpunkt.
- Er ist ein Werkzeug, nicht dein gesamter Wert.
- Er verdient Respekt, auch wenn du ihn gerade nicht liebst.
Gerade in der therapeutischen Arbeit mit Menschen, die unter Körperbildstörungen oder Essstörungen leiden, ist Bodyneutrality ein kraftvoller Ansatz.
Bodyneutrality vs. Bodypositivity: Was ist besser für wen?
Aspekt | Bodypositivity | Bodyneutrality |
---|---|---|
Ursprung | Politische Bewegung | Therapeutische Bewegung |
Fokus | Selbstliebe & Sichtbarkeit | Respekt & Entlastung |
Tonalität | Laut, kämpferisch, öffentlich | Ruhig, individuell, privat |
Problem | Kann performativ wirken | Wird noch wenig gesellschaftlich diskutiert |
Zielgruppe | Menschen, die sich sichtbar machen wollen | Menschen, die Frieden mit dem Körper suchen |
Beide Bewegungen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie können sich ergänzen. Bodypositivity verändert den öffentlichen Raum – Bodyneutrality den inneren
Bodypositivity & Bodyneutrality im NDR: Annika Kähler in der Sendung DAS!
Ein empfehlenswerter Beitrag zum Thema lief am 08.07.2025 in der NDR-Sendung DAS! mit
Annika Kähler, Gründerin von CURVYBEACHGIRL, im Interview.
📺 Jetzt in der Mediathek ansehen:
👉 NDR Mediathek – DAS! mit Annika Kähler vom 08.07.2025 (ab Minute 11:30)