Gerade läuft auf TikTok ein Trend, der mich wirklich beschäftigt. Unter dem Hashtag #SkinnyTok teilen vor allem junge Frauen Abnehm-Tipps, Kalorienzählerei und Videos mit extrem schlanken Körpern – begleitet von Sätzen wie „Wenn du ein Skinny Girl sein willst, denke wie ein Skinny Girl." Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen von den Laufstegen der Saison 2026: Weniger als 1 Prozent aller gezeigten Looks waren Große Größen. WENIGER ALS 1 PROZENT!
Ich schreibe das nicht, um Panik zu verbreiten. Ich schreibe es, weil ich es wichtig finde, dass wir darüber reden. Weil ich weiß, wie tief solche Bilder gehen können. Und weil ich heute etwas anderes dagegen setzen möchte.
Es gibt diesen einen Moment, den ich nie vergessen werde. Ich stand allein in meiner Wohnung, Bikini an, Sommer draußen – und ich fühlte mich wohl. Keinen kritischen Blick in den Spiegel. Kein ungutes Gefühl. Einfach: YAP, that’s me.
Kein Problem mit meinem Körper. Nicht wenn ich allein bin.
Das klingt vielleicht unspektakulär. Aber für mich war das eine riesige Erkenntnis, die meine ganze Wahrnehmung auf den Kopf gestellt hat.
Das Problem kommt von außen
Lange dachte ich, mein schwieriges Verhältnis zu meinem Körper käme von innen. Dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Dass ich eben „so bin". Zu sensibel. Zu unsicher. Zu viel.
Aber dann begann ich, genauer hinzuschauen. Wann fühle ich mich unwohl? Wann taucht der kritische innere Monolog auf?
Fast immer dann, wenn andere Menschen im Spiel sind. Wenn ich ahne, wie jemand auf mein Outfit reagiert. Wenn ich spüre, dass jemand meinen Körper bewertet. Wenn gesellschaftliche Normen lauter werden als meine eigene Stimme.
Allein am Strand? Kein Problem. Mit Fremden am Strand? Plötzlich ganz viele Probleme – obwohl sich an mir selbst nichts verändert hat.
Das ist der Moment, in dem ich verstand: Das eigentliche Problem liegt nicht in mir. Es wurde in mich hineingepflanzt. Durch Kommentare, durch Werbung, durch Bilder, durch gut gemeinte Ratschläge, die eigentlich Körperkritik waren. Und durch Trends wie SkinnyTok, die uns täglich suggerieren, dass weniger Körper mehr Wert bedeutet.
Zahlen & Fakten: Seit der Pandemie sind Essstörungen bei Mädchen in Deutschland um fast 50 Prozent gestiegen. Gleichzeitig zeigt Innova Market Insights (2024), dass Frauen zwischen 25 und 45 Jahren verstärkt nach Angeboten suchen, die Bewegung, Selbstfürsorge und Gemeinschaft verbinden – ein klares Zeichen, dass viele von uns einen anderen Weg suchen. Quellen: KKH-Daten via Stuttgarter Zeitung · innovamarketinsights.com
Was mein Safe Space verändert hat
Deshalb habe ich CURVYBEACHGIRL gegründet. Nicht, um jemandem zu beweisen, dass ich „trotzdem" schön bin. Sondern um Räume zu schaffen, in denen das Außen aufhört, lauter zu sein als das Innen.
Bei unseren Events – ob Sauna Session, Curvy Yoga oder SUP – passiert etwas, das ich immer wieder ein bisschen magisch finde: Frauen, die sich jahrelang nicht in einen Badeanzug getraut haben, tauchen plötzlich ins Wasser. Nicht weil sie sich verändert haben. Sondern weil sich der Raum verändert hat.
Das ist es, was Safe Spaces wirklich können. Nicht heilen. Aber Bedingungen schaffen, unter denen Heilung möglich wird.
Mein Liebesbrief
Deshalb möchte ich heute einen Liebesbrief schreiben. Einen Liebesbrief an meinen Körper – und vielleicht auch an deinen.
Mein lieber Körper,
ich weiß, mit mir hast du es nicht leicht.
Ich esse den Schokoriegel, obwohl ich nicht hungrig bin. Noch eine Kugel Eis und noch eine und noch eine. Ich weiß es in dem Moment, und ich tue es trotzdem. Weil Essen manchmal das Einzige ist, das sich sofort anfühlt wie eine Umarmung, eine Belohnung, Trost oder auch alles gemeinsam. Und du trägst das mit. All die Kilos, die kommen und gehen, nur um dann wiederzukommen. Dieser endlose Rollercoaster, auf dem du mitfährst – nicht weil du musst, sondern weil du keine andere Wahl hast. Weil du und ich eins sind.
Ich habe deine Signale nicht immer gehört oder Gehör geschenkt. Bis du mit meinem Burnout ein unüberhörbares Machtwort gesprochen hast. Nicht ich, sondern du sprachst es. Du hast entschieden: Es reicht jetzt und hier und keinen Schritt geht es mehr weiter. Und das nicht weil ich schwach war, sondern weil du stärker warst als mein Wille, einfach weiterzumachen. Du hast mich gerettet, indem du mich gestoppt hast.
Und trotzdem mache ich weiter. Manchmal zu viel. Manchmal zu wenig. Manchmal beides gleichzeitig. So wie auch du.
Dein Herzschlag geht einfach weiter. Dieses ruhige, verlässliche Pochen, das nicht fragt, ob ich heute gut zu dir war. Das nicht urteilt. Das einfach – da ist. Du hast geatmet, als mir der Atem stockte. Du hast mich getragen, als ich kaum noch stehen wollte.
Mit diesen Füßen, die müde wurden und weitergegangen sind. Mich bis nach Kenia und in die Welt trugen. Mich nackt auf dem Salzwasser des Indischen Ozean hast treiben lassen. Du hast mich Orgasmen erleben lassen, die mich vollständig haben auflösen lassen. Gleichzeitiges Versinken und Aufsteigen im eigenen Körpergefühl.
Und mein geliebtes Lachen. Dieses laute, unkontrollierbare Lachen, bei dem sich meine Stimme überschlägt und mein ganzer Bauch mitbebt. Wie sich alles an mir bewegt, wenn ich wirklich glücklich bin. Genauso wie die dicken Kullertränen, die kommen, auch wenn ich mal wieder versuche stark zu sein und alles unter Kontrolle zu halten. Dein Ventil, damit ich nicht zerbreche, sondern Druck ablasse und jedes Mal danach ein kleines bisschen leichter fühle.
Ich schaue auf dich und sehe meine Speckrollen, meine Bauchschürze, meine Dehnungsstreifen – diese feinen silbrigen Linien, die sich in meine Haut eingeschrieben haben. Wie sehr ich genau diesen Teil an dir, also an mir, verabscheut habe. Dabei hast du dich für mich gedehnt, egal ob bei Freude, bei Schmerz oder bei allem, was das Leben so mitbringt. Diese Kurven sind nicht trotz meines Lebens hier sondern sind wegen ihm hier. Sie sind auch ich.
Ich habe dir nicht immer freundlich gegenüber gestanden. Ich habe dich versteckt, bewertet, mit anderen verglichen. Ich habe Stimmen von außen reingelassen und sie für meine eigene gehalten. Ich tue es manchmal noch, aber ich lerne.
Du bist mein Zuhause. Das einzige, das ich wirklich immer bei mir habe. Mein weiches, rundes, lachendes, weinendes, reisendes, fühlendes Zuhause. Du warst nie das Problem.
Du bist nicht das Problem.
Annika
Gerade in einer Zeit, in der TikTok-Algorithmen und Laufstege wieder lauter werden – finde ich es wichtiger denn je, dass wir uns gegenseitig erinnern: Du bist nicht zu viel. Du warst es nie.
Welchen Raum brauchst du, um ganz du selbst zu sein?